תלמוד מהו?, סגנוןWhat is the Talmud, V Style
א׳
1Der Stil
ב׳
2Die begonnene systematisierende Sichtung der mündlichen Lehre in der Zeit des R. Akiba mußte allmählich zur Durchbrechung des Niederschreib-Verbots führen. Wann dies geschah, ist bis heute noch nicht endgültig geklärt worden. Nach Ansicht vieler Gelehrten wurde die Mischna bereits durch R. Jehuda Hanassi niedergeschrieben, während andere nicht minder bedeutende der Meinung sind, daß sie erst gemeinsam mit der G’mara schriftlich fixiert worden ist. Wie dem auch sei, so wurde sicherlich die Durchbrechung des Niederschreib-Verbots bedingt, wie so vieles im Laufe der Geschichte der mündlichen Lehre, durch die tragischen Schicksale des jüdischen Volkes, in deren Verlauf Meister und Schüler nicht mehr die nötige Muße und ein von Sorgen unbeschwertes Leben besaßen, um die Gesamtheit der mündlichen Überlieferung weiterhin auswendig zu lehren und zu lernen. Um für alle Zeiten der Gefahr des Vergessens zu begegnen, wurde die mündliche Lehre niedergeschrieben. Da es sich aber hierbei um die Übertretung einer strikten Vorschrift handelte, die man sich nur aus gegebener Notwendigkeit heraus im Interesse der Lehre selbst erlaubte, so hat man die Lehre nur so weit niedergeschrieben, als dies tatsächlich erforderlich war. Der Stil des Talmuds zeigt uns, daß man sich stets dessen bewußt war: die Lehre wird niedergeschrieben — nicht, um dem „Mündlichen” schriftlichen Ausdruck zu verleihen, sondern nur mit der Absicht, dafür Sorge zu tragen, daß es nicht vergessen werde. Der Charakter des Mündlichen sollte trotz der Niederschrift gewahrt bleiben. Dies wurde erreicht durch die Methode, das gesprochene Wort so niederzuschreiben, wie es tatsächlich ausgesprochen worden ist und durch die Niederschrift nichts daran zu ändern. Davon erhielt diese schriftliche Fixierung der Lehre ihre Eigenart.
ג׳
3Gesprochenes und geschriebenes Wort sind in ihrem Wesen voneinander verschiedene Ausdrucksformen des Gedankens, Empfindens usw. Der gleiche Gedanke erfordert eine andere Darstellung, wenn er ausgesprochen und wieder eine andere, wenn er „ausgeschrieben” wird. Gesprochenes und geschriebenes Wort sind voneinander unabhängig, beide beziehen sich immer unmittelbar auf den inneren Gehalt, den es auszudrücken gilt. Wurde nun bei der Durchbrechung des Niederschreibverbots das gesprochene Wort ohne jede Umwandlung niedergeschrieben, so bedeutet dies: nicht die schriftliche Ausdrucksform für den Lehrinhalt wurde damit geschaffen, sondern nur die schriftliche Notiz für die mündliche Ausdrucks-form. Die Niederschrift ist nicht das geschriebene Wort der Lehre, sondern das niedergeschriebene „gesprochene Wort”. Nicht die Lehre fand hier einen ihr angemessenen und damit wesenhaft verbundenen schriftlichen Niederschlag, sondern ihre mündliche Ausdrucksform eine technische Fixierung. So wurde die Niederschrift das, was sie werden sollte — ein mnemotechnisches Hilfsmittel, welches ein Vergessen unmöglich machen sollte; die Lehre aber blieb, was sie war — mündliche Lehre. Der talmudische Stil ist der Stil des gesprochenen und nicht der des geschriebenen Wortes.
ד׳
4Diese Niederschrift des gesprochenen Wortes ist allerdings vor allem durch zwei „Mängel” gekennzeichnet. Das gesprochene Wort ist in seinem Wesen knapper als das geschriebene, deshalb, weil es nicht alles selbst zu sagen braucht. Es wird immer in einer ganz konkreten Situation gesprochen, die selbst „mitspricht” und den Wortinhalt bereichert. In der Situation des Gesprächs kann schon eine leichte Bewegung, von der ein Wort begleitet wird, einen ganzen Satz bedeuten. Und in der Unterhaltung der Gelehrten in den Talmudhochschulen konnte die Frage „warum?” oder „woher weiß man es?”, von bestimmten Menschen im bestimmten Augenblick gesprochen, so inhaltsreich sein, daß sie schriftlich dargelegt weitläufiger Darlegungen bedürfte. Durch die Niederschrift des gesprochenen Wortes wird sein situationserfüllter Bedeutungsreichtum nicht festgehalten. Das Wort verarmt, bzw. es wird zu eng für seinen ursprünglichen Sinngehalt, es wird zum „Stichwort”. — Weiterhin kann durch die eigenartige Niederschrift der mündlichen Lehre ein anderes wesenhaftes Merkmal des gesprochenen Wortes nicht zum Ausdruck gebracht werden, nämlich seine Betonung. Das gleiche Wort kann verschiedenes besagen; je nachdem, in was für einem Tonfall es ausgesprochen wird, kann es ironisch und ernst gemeint sein, Frage oder Antwort bedeuten, Hoffnung oder Resignation, Verwunderung und Zweifel ausdrücken. Was der Redner mit einer Geste, einem bestimmten Tonfall sagen kann, muß der Schriftsteller oft in langen Abhandlungen darlegen. Niedergeschrieben wurde nur das Wort, nicht aber sein Rhythmus, sein Ton. Das ohne Ton und ohne seine „Melodie” schriftlich festgehaltene gesprochene Wort ist aber auch nur Stichwort für den Sprecher. Durch diese beiden „Mängel” wurde aber das Niederschreib-Verbot auf geniale Weise durchbrochen: die mündliche Lehre wurde schriftlich niedergelegt, und doch wurde die Lehre nicht niedergeschrieben. Das niedergeschriebene gesprochene Wort war das Stichwort für das Gedächtnis.
ה׳
5Dies bedeutet aber: ein Gedächtnis muß immer vorhanden sein, d. h. der Talmud mußte auch nach seiner Niederschrift mündlich gelehrt, von Meistern auf Schüler überliefert werden. Das Stichwort mußte wieder in gesprochenes Wort aufgelöst werden. Wie der Knoten im Taschentuch nur den an etwas erinnert, der ihn geknüpft hat, so konnte die mnemotechnische Niederschrift der mündlichen Ausdrucksform der Lehre nur von denjenigen wieder in gesprochenes Wort verwandelt werden, die durch sie an etwas erinnert wurden, also durch die Menschen, die die Lehre wie die Generationen vor ihrer Niederschrift in den Lehrhäusern von ihren Meistern empfingen und die sie dann an Hand der schriftlichen Fixierung nur zu wiederholen brauchten. Daran hat sich im Grunde genommen bis heute nichts geändert. Die „Knotensprache” der Niederschrift kann nur von dem gedeutet werden, den sie an bereits Gelerntes „erinnert”. Die eigentliche Bedeutung der grundlegenden Talmudkommentare, die zum großen Teil auf Überlieferung beruhen, besteht darin, daß sie versuchen, in der mündlichen Ausdrucksform der Lehre den Lehrinhalt zu ergründen. Die Auflösung der Niederschrift in gesprochenes Wort jedoch bleibt weiterhin Aufgabe des Lernenden. Vor allem diese Zurückverwandlung der „Notiz” in das „Wort” ist „mündliche Lehre” geblieben.
ו׳
6Der Talmud kann nicht „gelesen” werden, man muß ihn „sprechen”. Daher auch die bezeichnenden Wendungen des Kommentars Raschi zu bestimmten Sätzen: „Bitmija”, d. h. „dies ist zu sprechen im Tonfall der Frage”, oder: „B’nichuta”, was bedeutet: „dies ist zu sprechen im Tonfall der ‚Ruhe‛ (z. B. der Antwort, einer Bestätigung usw.)”. Der traditionelle Singsang, mit dem der Talmud gelernt wird, der Niggun des Lernens ist der ursprünglichste Talmudkommentar; er ist die Umwandlung des niedergeschriebenen gesprochenen Wortes in das lebendige Wort der mündlichen Lehre. (Eine Interpunktion kennt der Talmud nicht, weil sie auch das Sprechen nicht kennt. Der Niggun des Lernens ist gleichzeitig eine „akustische Interpunktion”.) Man kann also sagen: C’est le ton qui fait le Talmud.