תלמוד מהו?, היסטורית התפתחותו של התלמודWhat is the Talmud, IV The history of Talmudic development

א׳
1Die Entwicklungsgeschichte Des Talmuds
ב׳
2Die uns vorliegende mündliche Lehre wird eingeteilt in Midrasch — Deutung (der Bibel), Mischna — Wiederholung der Lehre und G’mara — Vollendung bzw. Erklärung (der Mischna).
ג׳
3Der Midrasch geht immer von der Bibel aus, stets wird in ihm ein Wort, ein Satz oder eine Vorschrift usw. der Bibel gedeutet. Die Mischna ist die Wiederholung der Tora, in der Form, daß sie lehrt, wie die Gesetze der Tora zu verwirklichen sind. Die G’mara schließt sich immer an die Mischna an; sie erklärt und zeigt ihre Anwendungsmöglichkeiten. Die Erklärung ist unerläßlich, weil die Mischna in der Form eines Gesetzeskodexes im allgemeinen nur die Vorschriften enthält ohne ihre Begründung. Wie Midrasch erklärende Deutung der Bibel ist, so ist G’mara Erklärung und Deutung der Mischna.
ד׳
4Der abschließende Redakteur der sechs Ordnungen der Mischna war Rabbi J’huda Hanassi (um 200 n.). Er hat die gesamte mündliche Lehre seiner Zeit gesichtet, zweifelhafte Überlieferungen, Wiederholungen und ausführliche Erklärungen ausgeschieden und auf diese Weise den in der Mischna zusammengefaßten Traditionen größte Autorität verschafft. Allerdings wurde auch das Ausgeschiedene aufbewahrt in Form der „Boreita” — das „Draußengebliebene” (zerstreut im Talmud) und in der Sammlung „Tosefta” oder „Hinzufügungen”.
ה׳
5Während es nur eine Mischna gab, die in Palästina entstanden war, hat sich die G’mara in zwei Hauptströmen entfaltet — in Palästina und in Babylon. In Palästina wurde sie bereits um 300 n. abgeschlossen, dagegen entwickelte sie sich in Babylonien weiter und wurde erst im Jahre 500 nach einer gründlichen Redaktion für beendet erklärt. Die Mischna gemeinsam mit der in Palästina entstandenen G’mara wird der jerusalemitische Talmud genannt, während die gleichen Mischnaordnungen und der dazugehörige babylonische Zweig der G’mara den babylonischen Talmud bilden.
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6Es ist klar, daß mit diesen allgemein üblichen Angaben, die beliebig vermehrt werden können, eine Entwicklungsgeschichte des Talmuds noch nicht einmal angedeutet ist. Am klarsten wird man dies am Beispiel des Midraschs erkennen. Wir verfügen zwar über eine Anzahl von Midraschsammlungen, die zum Teil sogar bestimmten Autoren zugeschrieben werden; über das Alter des Midraschs selbst läßt sich schwer etwas Genaues aussagen. Nach Ansicht maßgebender Gelehrten ist der Midrasch in seinem Ursprung älter als die Mischna Aber, wann begann er? Eine Jahreszahl wird wohl nie zu nennen sein. Und wann ist er abgeschlossen worden? Niemals. Der Midrasch ist eine Methode und kann nicht eine geschichtliche Epoche der mündlichen Lehre bezeichnen. Jeder, der nach midraschischen Regeln die Bibel liest, vermehrt den midraschischen Stoff. Wir finden in der Mischna und in der G’mara Midrasch. Und selbst die homiletischen Auslegungen von Bibelstellen durch den jüngsten Rabbiner dürfen sich oft mit vollem Recht Midrasch nennen. Es gibt da keine Wesensverschiedenheit, sondern nur einen Autoritätsunterschied.
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7Ganz ähnlich verhält es sich mit Mischna und G’mara. Wenn es uns auch bekannt ist, daß Rabbi J’huda Hanassi die Mischna abschloß, so ist es ebenso sicher, daß er nicht mehr als irgendein anderer von seinen zeitgenössischen Kollegen als der Verfasser der Mischna bezeichnet werden kann. Er hat das vorhandene Material als letzter redigiert; die Mischna ist aber viel älter als ihr letzter Redakteur. Es ist ebenfalls mit Sicherheit anzunehmen, daß auch die Einteilung in die sechs Ordnungen nicht von Rabbi J’huda Hanassi stammt.
ח׳
8Der Talmud spricht verschiedentlich von einer Mischna des Rabbi Akiba (um 130) im Gegensatz zu einer „Mischna Rischonah” (erste Mischna). Wie alt ist diese „Erste Mischna”? Sicherlich hat es eine Ur-Mischna gegeben, die bedeutend älter war als z. B. die Gelehrten Hillel und Schammai (um 10 v.). Die Streitigkeiten unter den Mischna-Lehrern (Tanaim, Einzahl: Tanna) sind in ihrem Wesen nichts anderes als Meinungsverschiedenheiten über die Erklärung und Anwendung einer Mischna, die selbst schon so alt war, daß sie bereits einer Erklärung bedurfte. So sind selbst die ältesten Mischna-Lehrer nicht Autoren, sondern Interpreten einer Ur-Mischna.
ט׳
9Damit wird aber auch die Frage nach dem geschichtlichen Anfang der G’mara aufgeworfen. Sie kann nicht mit dem Abschluß der Mischna durch Rabbi J’huda Hanassi begonnen haben. Da G’mara in ihrem Wesen Erklärung und Erforschung der Anwendungsmöglichkeiten einer Mischna ist, so ist die Interpretation der Ur-Mischna durch die „Mischna-Lehrer” selbst schon G’mara. Das Mischna-Werk, wie es von Rabbi J’huda Hanassi auf uns überliefert wurde, besteht streng genommen aus einer Ur-Mischna und einer sie erklärenden G’mara. Schon in der „Mischna” ist G’mara enthalten. So ergibt sich also: der Midrasch ist älter als die midraschischen Sammlungen, die Mischna ist, älter als die Lehrer der Mischna und die „G’mara” — als Methode — älter als die G’mara.
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10Aus all dem folgt aber auch: ebenso problematisch wie die verschiedenen „Anfänge” sind auch die „Abschlüsse”. Der Midrasch als eine Methode kann immer wieder von neuem — auch in unserer Zeit — angewandt werden. Die Mischna des Rabbi J’huda Hanassi enthält bereits G’mara sie ist also „verspätet” abgeschlossen worden. Und da ferner G’mara Erklärung im weitesten Sinne des Wortes ist, kann man kaum begreifen, inwiefern ihr Abschluß im Jahre 500 organisch sich vollzog. Jede Erklärung der Mischna, sofern sie logisch richtig ist und der Lehre nicht widerspricht, ist, unabhängig davon, welcher Zeit sie entstammt, in ihrem Wesen G’mara.